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Die umstrittensten Unternehmen der Welt

Minas Gerais
Die Region Brumadinho, Minas Gerais nach dem Bruch des Staudamms. Welche Verantwortung der TÜV SÜD dabei trägt, müssen nun Gerichte klären. © Vinícius Mendonça/Ibama | CC 2.0

Jedes Jahr veröffentlicht die Schweizer Analysefirma RepRisk einen Bericht über die zehn umstrittensten Unternehmen der Welt. In diesem Jahr wird das Ranking im „2019 Most Controversial Companies (MCC) Report“ von einem deutschen Unternehmen, der TÜV Süd AG angeführt. Mit dem Fleisch und Wurstwarenhersteller Wilke Waldecker findet sich auf dem vierten Platz ein weiteres Unternehmen aus Deutschland. Insgesamt haben sieben der zehn aufgeführten Unternehmen ihren Hauptsitz in einem Industrieland.


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Der TÜV Süd steht im Zusammenhang mit einem schweren Unglück in Brumadinho im brasilianischen Staat Minas Gerais Anfang 2019. Dort zerbrach am 25. Januar ein Staudamm und löste eine riesige Lawine aus giftigem Schlamm aus. Unter ihr starben mindestens 259 Menschen, 11 gelten offiziell noch als vermisst. Der Staudamm gehörte zu einer Eisenerzmine, die vom brasilianischen Bergbau-Konzern Vale betrieben wird. Der TÜV Süd war als technischer Sachverständiger engagiert, der die Sicherheit des Staudammprojekts überwachen und bescheinigen sollte. Genau das hat er noch einige Wochen vor dem Unglück getan. Wie es zu dieser Fehleinschätzung kommen konnte, ist inzwischen Gegenstand von mehreren gerichtlichen Strafverfahren unter anderem wegen Bestechlichkeit und fahrlässiger Tötung. So wird dem Unternehmen und den verantwortlichen Managern und Ingenieuren vorgeworfen, über lange Zeit bekannte Mängel am Staudamm ignoriert zu haben.

Die schweren ökologischen und sozialen Auswirkungen des Dammbruchs und die glaubwürdige Berichterstattung über das Verhalten des TÜV Süd vor dem Unfall, hätten zu der Bewertung der RepRisk-Analysten geführt und dem TÜV SÜD den ersten Platz im Ranking beschert. Zudem sind der tatsächliche finanzielle Schaden und der dauerhafte Reputationsschaden noch nicht abzusehen. Aktuell wird von der Staatanwaltschaft München ein Verfahren vorbereitet.

Ranking des “2019 Most Controversial Companies (MCC) Report”

Ranking des “2019 Most Controversial Companies (MCC) Report”
Quelle: “2019 Most Controversial Companies (MCC) Report”

Das RepRisk-Ranking basiert auf einer Kennzahl, dem RepRisk-Index (RRI)-Wert, mit der die Schweizer Analysten das Reputationsrisiko eines Unternehmens in Bezug auf ESG-Themen ausdrücken. Basis ist eine Datenbank die Profile von mehr als 140.000 Unternehmen enthält und diese mit bekannten Risikovorfällen verbindet. Für das aktuelle Ranking waren vor allem der Dammbruch, Fabrikexplosionen sowie tödliche Arbeitsunfälle für die hohen RRI-Werte verantwortlich. Der Algorithmus hinter dem RRI bewertet die Schwere eines Risikovorfalls, die Informationsquelle und eine Art Neuigkeitsfaktor.

Sehr hoher Reputationsschaden nur durch ein Ereignis

Die gerankten Unternehmen sind also mit einem akuten Reputationsrisiko und in der Folge auch Finanzrisiko konfrontiert. Deshalb sei auch das Reputationsrisiko aufgrund des Klimawandels nicht in der aktuellen Bewertung zu finden. Diese Risiken seien eher langfristig zu betrachten, während die aufgeführten Unternehmen teilweise nur durch ein Ereignis einen sehr hohen akuten Reputationsschaden erlitten hätten. Unternehmen, die schon die eine oder andere Krise weggesteckt haben, sind demnach weniger anfällig für neue Ereignisse. Die Analysten nennen das den „New Kid on the Block“-Effekt. Aus diesem Grund sind auch Unternehmen wie Boeing oder Purdue Pharma im aktuellen Ranking nicht unter den zehn Unternehmen mit dem höchsten RRI-Wert, obwohl die Ereignisse, beispielsweise die Flugunfälle mit der Boeing 737 Max, eine hohe mediale Aufmerksamkeit zur Folge hatten.

Für problematisch hält RepRisk die Tatsache, dass in einem Jahr, in dem die Internationale Arbeitsorganisation ihren „Welttag für Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit“ veranstaltete, sechs der zehn Unternehmen im MCC-Bericht 2019 im Zusammenhang mit Arbeitsunfällen stehen. Im deutlichen Gegensatz zum Bericht aus dem vergangenen Jahr, in dem nur drei Unternehmen aufgrund von tödlichen Arbeitsunfällen im Ranking auftauchten.

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