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Pandemie bedroht Fortschritte im Kampf gegen Kinderarbeit

Kinderarbeit
Armut ist der wichtigste Grund für Kinderarbeit. Oft können Familien ohne die Mitarbeit der Kinder nicht überleben. © Zeyn Afuang / Unsplash

In den vergangenen 20 Jahren ist die Zahl der arbeitenden Kinder weltweit um rund 94 Millionen Fälle zurückgegangen. Das teilten die Internationale Arbeitsagentur ILO und das Kinderhilfswerk Unicef anlässlich des Internationalen Tages gegen Kinderarbeit in einer gemeinsamen Erklärung mit. Doch Entwarnung kann noch lange nicht gegeben werden. Denn die zarten Erfolge sind angesichts der COVID-19 Pandemie, die den gesamten Globus in Atem hält, gefährdet.

Vor allem die drohende Arbeitslosigkeit in den ärmsten Ländern dieser Welt bedroht die Fortschritte und könnte für einen erneuten Anstieg der Kinderarbeit sorgen. Immerhin wachsen weltweit über 400 Millionen Kinder in extremer Armut auf. Häufig der wichtigste Grund, warum sie schon in sehr jungen Jahren arbeiten müssen und nicht zur Schule gehen können. Es müsse jetzt dringend gehandelt werden, mahnen ILO und Unicef.   

Ein Anstieg der Armut um einen Prozentpunkt könnte zu einer Zunahme der Kinderarbeit um bis zu 0,7 Prozentpunkte führen.

In der gemeinsamen Studie „COVID-19 and child labour: A time of crisis, a time to act“ werden verschiedene Krisenbedingungen aufgezeigt, unter denen Kinderarbeit zunimmt. Der Verlust des Einkommens, aber auch gesundheitliche Ausfälle der haupterwerbstätigen Personen sind dabei als besonders gefährdend zu nennen. Beide Risiken treten in dieser Pandemie in vielen Ländern verstärkt auf. Ein Anstieg der Armut um einen Prozentpunkt könnte zu einer Zunahme der Kinderarbeit um bis zu 0,7 Prozentpunkte führen, so die Autoren der Studie. Entscheidend seien geeignete staatliche Maßnahmen, um einen Anstieg zu vermeiden oder zumindest abzufedern.

Staatliche Maßnahmen sind entscheidend

Die Autoren verdeutlichen den Zusammenhang anhand der Kakaopreisentwicklung und seine Auswirkungen auf die Elfenbeinküste. Als 1990 die Preise für Kakao in Folge einer Krise fielen, ging die Zahl der arbeitenden Kinder unter 14 Jahren hoch. In den Regionen, in denen ein sozialer Basisschutz bestand, war diese Auswirkung nicht in dem gleichen Ausmaß zu beobachten. Staatliche Sicherung kann die Familien vor extremen Auswirkungen der Armut schützen, zu denen auch die Kinderarbeit gehört. „Ohne Unterstützungsleistungen vernichtet die Pandemie das Familieneinkommen. Somit geraten Familien in wirtschaftliche Notlagen, sodass Kinder vermehrt in Kinderarbeit gedrängt werden“, sagt Guy Ryder, der Generaldirektor der ILO.


Die Kinderrechtskonvention ist die am meisten unterzeichnete Konvention der UN – das Problem Kinderarbeit konnte dadurch bislang nicht gelöst werden.

Der Report schlägt Maßnahmen vor, um der Bedrohung zunehmender Kinderarbeit entgegenzuwirken, darunter umfassender Sozialschutz, leichterer Zugang zu Krediten für arme Haushalte, Förderung menschenwürdiger Arbeit für Erwachsene, Maßnahmen, um Kinder wieder in die Schule zu schicken, einschließlich der Abschaffung der Schulgebühren und mehr Mittel für Arbeitsaufsicht und Rechtsdurchsetzung. „Der Kampf gegen Kinderarbeit gelingt nur durch eine gemeinsame Kraftanstrengung aller Politikbereiche, angefangen von Bildung, Sozialschutz, über Justiz, Arbeitsmarkt, bis hin zu internationalen Menschen- und Arbeitsrechten“, so Guy Ryder.

Über 150 Millionen arbeitende Kinder

Auch Bundesentwicklungsminister Gerd Müller macht auf die brutale Wirklichkeit vieler Kinder aufmerksam. Rund 150 Millionen Kinder weltweit müssen täglich arbeiten, um ihre Existenz und die ihrer Familien zu sichern. Sie schuften auf Plantagen, in Minen oder Steinbrüchen – nicht selten für die Herstellung von Produkten für die Konsumenten in den Industrieländern. Fast die Hälfte der betroffenen Kinder muss unter extremen, gefährlichen und/oder ausbeuterischen Bedingungen arbeiten. Die meisten in Afrika. Dort ist Kinderarbeit in den letzten Jahren sogar wieder angestiegen.

Hinzu kommt die kriminelle Ausbeutung von Kindern. Mindestens acht Millionen Kinder werden versklavt und rechtlos verkauft, so das Bundesentwicklungsministerium. Eine der brutalsten Formen dieser Ausbeutung ist der sexuelle Missbrauch der Kinder. Besonders dramatisch ist der Anstieg sexueller Online-Ausbeutung von Kindern. Allein auf den Philippinen haben sich die Fälle verdreifacht.

Auch das BMZ betont die besondere Schwierigkeit der aktuellen Situation. „Schon vor der Pandemie waren die Fortschritte im Kampf gegen die Kinderarbeit und Ausbeutung schleppend“, so Gerd Müller. „Durch die Corona-Krise drohen jetzt massive Rückschritte: Millionen Eltern sind arbeitslos – ohne Kurzarbeitergeld oder soziale Grundsicherung. Die Lage ist für viele Familien dramatisch.“ Über 1 Milliarde Kinder können momentan nicht zur Schule gehen und verlieren so zusätzlich noch die oftmals einzige Mahlzeit am Tag. „Die Menschen hungern, ehe das Virus ankommt“, so Müller. Experten schätzen, dass 130 Millionen Menschen wegen Corona zusätzlich von Hunger bedroht sind – die meisten davon sind Kinder. Durch Corona rutschen 40 Millionen Kinder dieses Jahr in extreme Armut ab.

Lieferkettengesetz kann helfen

Müller wirbt in diesem Zusammenhang für die Einführung einer gesetzlichen Verpflichtung zur Achtung der Sorgfaltspflicht in internationalen Lieferketten. Müller: „Wir müssen uns klarmachen: Auch wir in Europa tragen Mitverantwortung: Viele Familien haben auch vor der Krise kaum mehr als Hungerlöhne verdient. Die Näherinnen in Bangladesch schuften 14 Stunden am Tag für einen Stundenlohn von 25 Cent, sechs Tage die Woche. Davon kann keine Familie leben. Eine Folge ist, dass viele Kinder arbeiten müssen, statt zur Schule zu gehen, damit die Familien irgendwie über die Runden kommen. In Westafrika arbeiten zwei Millionen Kinder auf Kakaoplantagen – auch für unsere Schokolade. Im Kongo schuften Kinder in Minen für Coltan, das wir für unsere neuen Smartphones brauchen. Jeder dritte Grabstein in Deutschland stammt aus Indien, wo 150.000 Kinder in Steinbrüchen schuften.“

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