Mehr als Naturschutz

NGOs gehören zu den wichtigen zivilgesellschaftlichen Akteuren, wenn es um Interessenvertretung jenseits einer ökonomischen Logik geht. Vor allem der Stand der Umweltpolitik ist ohne ihre Arbeit kaum vorstellbar. Forscher haben nun die Diskursvielfalt von Umweltorganisationen analysiert.

© Markus Spiske / Unsplash

In der medialen Darstellung erscheinen Umweltschützer wie die Helden unserer Zeit. Todesmutig stellen sie sich mit Schlauchbooten großen Walfangschiffen in den Weg, klettern an Fabrikschornsteinen in die Höhe oder besetzen Ölplattformen in der tosenden Nordsee. Tatsächlich ist die Arbeit der Umweltschutzorganisation häufig deutlich weniger spektakulär, dadurch aber nicht weniger bedeutend.

Zu den großen und bekannten Umweltorganisationen gehören Greenpeace und der WWF. Sie sind allerdings nur die sichtbare Spitze eines großen Eisbergs. Nichtregierungsorganisationen (NGOs) gehören heute zu den wichtigen zivilgesellschaftlichen Akteuren, wenn es um die Vertretung von Interessen jenseits einer ökonomischen Logik geht. Vor allem der Stand der internationalen Umweltpolitik ist ohne die Arbeit der NGOs kaum vorstellbar. Dennoch fehlt bislang eine systematische Analyse der Diskursvielfalt von Umweltorganisationen.

Systematische Analyse der Diskursvielfalt

Ein internationales Forscherteam um den Sozialwissenschaftler Stefan Partelow vom Leibniz-Zentrum für Marine Tropenforschung (ZMT) hat nun in einer Studie die thematischen Schwerpunkte von 679 Umweltorganisationen weltweit untersucht. Partelow und sein Team haben sich bei der Untersuchung an den Leitbildern sowie personellen und finanziellen Ressourcen der Organisationen orientiert. In den Leitbildern wurde der Gebrauch bestimmter Begriffe analysiert, um die Umweltdiskurse der Organisationen zu bestimmen. Frühere Studien hätten laut Partelow und seinem Team eher subjektive Kriterien angewendet.

Ihre Ergebnisse zeigen, dass die meisten der untersuchten Organisationen ein gemeinsames Interesse im Bereich des Naturschutzes haben, insgesamt identifiziert das Forscherteam jedoch vier verschiedene thematische Schwerpunktbereiche:

Umweltmanagement (z.B. Naturschutz, Management natürlicher Ressourcen),
Klimapolitik (z.B. Governance und zivilgesellschaftliches Engagement zum Klimawandel),
Umweltgerechtigkeit (z.B. Stärkung von Gemeinschaften, Achtung der Natur und der Menschenrechte),
ökologische Modernisierung (z.B. Business-Innovation, Technologien für erneuerbare Energien)

Unterschiede in der personellen und finanziellen Ausstattung

Insbesondere die Bedeutung von Klimapolitik und Umweltgerechtigkeit wurde in bisherigen Studien zum Umweltdiskurs unterschätzt, so die Wissenschaftler. Auch regionale Ungleichheiten bei den personellen und finanziellen Ressourcen werden in der Analyse deutlich. So verfügen Umwelt-NGOs in Afrika und Ozeanien im Median über die geringste Anzahl von Mitarbeitern, afrikanische Umweltverbände haben im Median die niedrigsten Jahresbudgets. Während Umweltorganisationen in Nordamerika und Europa den höchsten Medianwert in der Finanzkapazität aufweisen, findet sich in Lateinamerika und der Karibik der höchste Medianwert in der Mitarbeiterzahl.

Diese Unterschiede spiegeln wohl unterschiedlich hohe Personalkosten und Finanzströme wider, wobei Umwelt-NGOs im Globalen Süden mehr Menschen mit weniger Geld beschäftigen, während Organisationen im Globalen Norden mehr Geld mit weniger Beschäftigten verwalten, so die Wissenschaftler. Für die Forschenden weist diese ungleiche Verteilung auch auf eine globale Arbeitsteilung hin, bei der Umweltorganisationen des Nordens als Geber oder Koordinatoren für große Projekte fungieren, während NGOs des Südens Aufträge für die Umsetzung erhalten.

„Daten zur Finanzkapazität zeigen uns, wie machbar es für NGOs ist, für ihre jeweiligen Themen zu plädieren und sie umzusetzen. Wenn wir sehen, wo es in verschiedenen Regionen Ungleichheiten und Einschränkungen gibt, kann uns das in der Forschung helfen, erkennbare Unterschiede in der Strategie und Umweltpolitik zwischen Umweltorganisationen besser zu verstehen“, so Stefan Partelow.

Mehr als 40% der einflussreichsten Umweltorganisationen fokussieren sich in ihren Leitbildern auf Klimapolitik und Umweltgerechtigkeit.

Für eine Teilmenge von 276 der untersuchten Umwelt-NGOs berechnete das Forscherteam außerdem einen institutionellen ‚Power-Index‘ auf Grundlage ihrer personellen und finanziellen Ressourcen. Dabei kam heraus, dass mehr als 40% der einflussreichsten Umweltorganisationen sich in ihren Leitbildern auf Klimapolitik und Umweltgerechtigkeit fokussieren. „Dies bedeutet, dass es mehr einflussreiche zivilgesellschaftliche Organisationen gibt, die sich mit Klimafragen befassen als mit Fragen des Biodiversitätsverlusts oder der fortschreitenden Wüstenbildung“, sagt Co-Autorin Klara Winkler von der McGill University in Kanada. „Es ist wichtig, sich im Klaren darüber zu sein, dass einige Umweltthemen mehr Aufmerksamkeit erhalten als andere, die dem Risiko ausgesetzt sind, vernachlässigt oder gar vergessen zu werden.“

Umweltorganisationen eher Nachhaltigkeits-NGO

Die Studie liefert wichtige Daten, neue methodische Ansätze und wertvolle Erkenntnisse als Grundlage für zukünftige Forschung zur Rolle von NGOs in der globalen Umweltpolitik. „NGOs sind einflussreiche Akteure in der Umweltpolitik. Unsere Ergebnisse zeichnen nicht nur ein klareres Bild des globalen Netzwerks von Umweltorganisationen, sondern auch der Diskurse, die sie nutzen, um Umweltprobleme zu verstehen und zu adressieren – beides wichtige Beiträge in Zeiten weltweiter Krisen,“ sagt Gregory Thaler, Co-Autor von der University of Georgia, USA.


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„Unsere Studie legt nahe, dass der Sektor der Umweltorganisationen eher als ‚Nachhaltigkeits-NGO‘-Sektor verstanden werden könnte, der sich mit Anliegen befasst, die viel weiter gestreut sind als die klassischen Fragen des Naturschutzes“, fasst Stefan Partelow zusammen.

Originalpublikation:

Partelow S, Winkler KJ, Thaler GM (2020) Environmental non-governmental organizations and global environmental discourse. PLoS ONE 15(5): e0232945. DOI: 10.1371/journal.pone.0232945
https://doi.org/10.1371/journal.pone.0232945
https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0232945

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